Vom verborgenen zum manifesten Grauen: Kindheit und Jugend Adolf Hitlers

Alois Hit­ler in his last years” by Unknown — The Life and Death of Adolf Hit­ler by Robert Pay­ne [1]. Licen­sed under Public Domain via Com­mons

 

Auch Mör­der fal­len nicht ein­fach vom hei­te­ren Him­mel”, schreibt die Schwei­zer Auto­rin (und Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin) Ali­ce Mil­ler in ihrem Buch Am Anfang war Erzie­hung. Oder doch?
Der Wer­de­gang Adolf Hit­lers vom geprü­gel­ten Sohn eines „erzie­hen­den“ Vaters und einer lie­be­vol­len, aber schwa­chen Mut­ter zu einem der grau­sams­ten Dik­ta­to­ren der Mensch­heit.

Hitlers Unbekannte Wurzeln

Döl­lers­heim, Stro­nes, Wei­t­ra, Spi­tal und Wei­ter­schlag sind klei­ne ver­streu­te Ansied­lun­gen in einer ärm­li­chen wald­rei­chen Gegend Öster­reichs zwi­schen Donau und böh­mi­scher Gren­ze, dem soge­nann­ten Wald­vier­tel.

Hier lie­gen die engen und klein­bäu­er­li­chen Wur­zeln der Hit­lers, Hied­lers oder Hütt­lers.

Kir­che und Fried­hof von Döl­lers­heim auf dem Are­al des Trup­pen­übungs­plat­zes Allent­steig in Nie­der­ös­ter­reich. “Guent­herZ 2011-03-19 0082 Doel­lers­heim Rui­ne Kir­che Fried­hof” by Guent­herZ — Own work. Licen­sed under CC BY 3.0 via Com­mons

Im Juni 1837 bringt die ledi­ge Magd Anna Maria Schick­lgru­ber in Stro­nes ein unehe­li­ches Kind zur Welt und tauft ihren klei­nen Sohn auf den Namen Alois.
Über den Kinds­va­ter gibt es zunächst kei­ne Anga­ben. Das ändert sich auch nicht, als Anna Maria fünf Jah­re spä­ter den stel­lungs­lo­sen Mül­ler­ge­sel­len Johann Georg Hied­ler hei­ra­tet.

Die Fami­lie Hied­ler ist so arm, dass die Mut­ter den klei­nen Alois schließ­lich zum Bru­der ihres Man­nes, dem Bau­ern Johann Nepo­muk Hütt­ler in Spi­tal, in Pfle­ge gibt.
Viel­leicht macht sie sich Sor­gen, ihren Sohn nicht selbst ernäh­ren und auf­zie­hen zu kön­nen, viel­leicht ist Nepo­muk aber auch der eigent­li­che Kinds­va­ter.

Alois wächst auf und macht sei­nem Onkel und Pfle­ge­va­ter Nepo­muk alle Ehre.
Mit drei­zehn Jah­ren wird der jun­ge Alois zunächst Lehr­ling bei einem Schuh­ma­cher in Wien, tritt dann aber in den öster­rei­chi­schen Finanz­dienst ein, dient sich mit unge­heu­rem Fleiß und Pflicht­be­wusst­sein nach oben und avan­ciert schließ­lich zum Zoll­amts-ober­of­fi­zi­al, was zu die­ser Zeit und mit sei­ner gerin­gen Vor­bil­dung und Her­kunft eine gera­de­zu atem­be­rau­ben­de Kar­rie­re ist.


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Joa­chim C. Fest, Hit­ler. Eine Bio­gra­phie. Ull­stein Ver­lag GmbH Ber­lin, Taschen­buch, unge­kürz­te Aus­ga­be, 2002


Doch trotz sei­nes Erfolg las­tet der unbe­kann­te Vater schwer auf Alois‘ inne­rem Gleich­ge­wicht — er ist und bleibt offi­zi­ell ein unehe­li­ches Kind, vater­los, und mit einem unüber­seh­ba­rem Makel, dem Nach­na­men sei­ner Mut­ter ‚Schick­lgru­ber‘. Das ist in einer Zeit, in der eine unehe­li­che Her­kunft als Schan­de gilt, für einen Mann, der als „genau, sogar pedan­tisch“ beschrie­ben wird, eine dop­pel­te Schmach: „G’schlamperte“ Ver­hält­nis­se pas­sen ein­fach nicht zum Selbst­ver­ständ­nis eines stol­zen und pflicht­be­wuss­ten Beam­ten der k.u.k. Dop­pel­mon­ar­chie.

Trotz­dem — laut der Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Ali­ce Mil­ler: gera­de des­halb — zeugt Alois als erwach­se­ner Mann meh­re­re unehe­li­che Kin­der, die er erst im Nach­hin­ein durch die spä­te­re Hoch­zeit mit der jewei­li­gen Kinds­mut­ter legi­ti­miert.
Es ist, als ob er das Trau­ma sei­ner eige­nen unehe­li­chen Her­kunft wie­der­ho­len müss­te, um es dann wie­der “in Ord­nung” zu brin­gen.

2000px-Stammbaum_Adolf_Hitler_3.svg

Stamm­baum Adolf Hit­ler 3“. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stammbaum_Adolf_Hitler_3.svg#/media/File:Stammbaum_Adolf_Hitler_3.svg


Aus Schicklgruber wird Hitler

Im Janu­ar 1877 erhält der fast 40jährige Alois schließ­lich doch noch eine ordent­li­che Her­kunft. Sei­ne Mut­ter Anna Maria Schick­lgru­ber ist zu die­sem Zeit­punkt seit knapp 30 Jah­ren tot, sein angeb­li­cher Vater Johann Georg Hied­ler seit 19 Jah­ren.

Wer die Idee zu die­ser Pro­vinz­pos­se der beson­de­ren Art hat­te, lässt sich nach­träg­lich nicht mehr fest­stel­len; es könn­te der auf sei­nen Nef­fen und Zieh­sohn stol­ze Onkel Nepo­muk gewe­sen sein, mög­li­cher­wei­se hat aber auch Alois selbst die spä­te Berei­ni­gung sei­ner Fami­li­en­ge­schich­te initi­iert.
Alois wird nach­träg­lich zum legi­ti­men Sohn erklärt: Johann Georg Hied­ler, der Mann, den Alois’ Mut­ter fünf Jah­re nach sei­ner Geburt gehei­ra­tet hat, wird post­hum zu sei­nem leib­li­chen Vater erklärt — Onkel Nepo­muk und drei ande­re Zeu­gen kön­nen sich plötz­lich wie­der ganz genau erin­nern:

„Neun­und­zwan­zig Jah­re, nach­dem Maria Anna Schick­lgru­ber an Aus­zeh­rung infol­ge Brust­was­ser­sucht in Klein-Mot­ten bei Stro­nes ver­stor­ben war, und neun­zehn Jah­re nach dem Tode ihres Man­nes erschien des­sen Bru­der Johann Nepo­muk zusam­men mit drei Bekann­ten beim Pfar­rer Zahn­schirm in Döl­lers­heim und bean­trag­te die Legi­ti­mie­rung sei­nes inzwi­schen nahe­zu vier­zig­jäh­ri­gen ‚Zieh­sohns‘, des Zoll­be­am­ten Alois Schick­lgru­ber; aller­dings sei nicht er sel­ber, son­dern sein ver­stor­be­ner Bru­der Johann Georg der Vater, die­ser habe das auch zuge­stan­den, sei­ne Beglei­ter könn­ten den Sach­ver­halt bezeu­gen.“
Joa­chim Fest, Hit­ler Eine Bio­gra­phie

Lupen­rein ist die­se nach­träg­lich ein­ge­setz­te Vater­schaft nicht, außer­dem ver­gisst der Herr Pfar­rer in der Eile, das Doku­ment zu unter­schrei­ben, und gibt Alois ver­se­hent­lich den Nach­na­men Hit­ler statt Hied­ler. Doch ange­sichts aller sons­ti­gen Merk­wür­dig­kei­ten die­ses Ver­fah­rens sind das letzt­lich nur Baga­tel­len.


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Ilse Krum­pöck, Hit­lers Groß­mut­ter*, Stein­ver­lag, Bad Traun­stein 2011, 288 Sei­ten, Gebun­den


Hitlers Mutter Klara

12 Jah­re spä­ter,  am 20. April 1889, beginnt in Brau­nau am Inn das ver­bor­ge­ne Grau­en, das für die Mensch­heit zum mani­fes­ten Grau­en wer­den wird.
Adolf Hit­ler wird gebo­ren.

Adolf Hit­ler, Kin­der­bild. Bun­des­ar­chiv Bild 183‑1989-0322–506/ ca. 1889/1890 / Pho­to­gra­pher unknown/ CC BY-SA 3.0

Er ist das vier­te gemein­sa­me Kind des mitt­ler­wei­le 51jährigen Zoll­amts-ober­of­fi­zi­als Alois Hit­ler — ehe­mals Schick­lgru­ber - und sei­ner 23 Jah­re jün­ge­ren drit­ten Ehe­frau Kla­ra.
Zwei älte­re Hal­be­ge­schwis­ter aus Alois‘ vor­an­ge­gan­ge­ner Ehe gibt es auch, Alois juni­or und Ange­la.

Adolf Hit­lers Mut­ter Kla­ra wird von Alois das ers­te Mal geschwän­gert, als er noch mit sei­ner zwei­ten Frau ver­hei­ra­tet ist.
Für Alois nichts Unge­wöhn­li­ches, es ist, als ob er den Makel sei­ner eige­nen unehe­li­chen Geburt an die nächs­te Gene­ra­ti­on wei­ter­ge­ben will: Zu Leb­zei­ten sei­ner ers­ten Frau ist sei­ne spä­te­re zwei­te bereits von ihm schwan­ger, und als die­se krank wird und Kla­ra ins Haus kommt, um an ihrer Stel­le Haus­halt und Kin­der zu ver­sor­gen, erwar­te­te sie kur­ze Zeit spä­ter eben­falls ein unehe­li­ches Kind vom Her­ren des Hau­ses.

Kla­ra Hit­ler“ von Unbe­kannt — forum.axishistory.com. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons

Glück­li­cher­wei­se stirbt Alois’ zwei­te Ehe­frau recht­zei­tig und Kla­ra ent­geht der Schan­de, ein unehe­li­ches Kind von ihrem Onkel zur Welt zu brin­gen. (Zumin­dest gesetz­lich ist Kla­ra Alois‘ Nich­te, sie ist eine Enke­lin von Alois’ Zieh­va­ter, Johann Nepo­muk Hütt­ler. Wie eng ihre Bluts­ver­wandt­schaft ist, lässt sich wegen Alois’ unkla­rer Her­kunft nicht abschlie­ßend beur­tei­len.)

Kla­ra wird Alois’ drit­te Ehe­frau, eine Wahl hat sie nicht.

Kurz nach der Hoch­zeit wird Adolf Hit­lers ältes­ter Bru­der Gus­tav gebo­ren, es fol­gen Ida und Otto. Ein Jahr vor Hit­lers Geburt ster­ben alle drei Geschwis­ter im Klein­kind- und Baby­al­ter kurz hin­ter­ein­an­der an Diph­te­rie, Baby Otto wird nur drei Tage alt. Der Tod ihrer Kin­der ist ein furcht­ba­rer Schlag für die tief­gläu­bi­ge Kla­ra.

Hitlers Vater

Hit­lers Vater Alois ist nach allem, was man heu­te weiß, eine außer­or­dent­lich schwie­ri­ge Per­sön­lich­keit.
Nach außen ver­kör­pert er den stol­zen, pflicht­be­wuss­ten und wür­de­vol­len Staats­be­am­ten der k.u.k. Dop­pel­mon­ar­chie; er prä­sen­tiert sich ger­ne in sei­ner Amt­mann-Uni­form mit blit­zen­den Knöp­fen und legt größ­ten Wert dar­auf, von Nach­barn und Bekann­ten mit kor­rek­tem Titel ange­spro­chen zu wer­den.

Von sei­ner jewei­li­gen Ehe­frau und den Kin­dern erwar­te­te er – ganz der Patri­arch sei­ner Zeit – Respekt, Dis­zi­plin und abso­lu­ten Gehor­sam, was in jener Zeit nichts Unge­wöhn­li­ches ist.
Die Erzie­hung mit har­ter Hand ist üblich und soll den GAU elter­li­chen Wir­kens ver­mei­den — näm­lich, den Nach­wuchs durch zu viel „Affen­lie­be“ zu ver­zär­teln und zu ver­weich­li­chen. Kind­heit soll Kin­der abhär­ten und ange­mes­sen auf die kom­men­den Frus­tra­tio­nen des Lebens vor­be­rei­ten. Nie­mand will schließ­lich einen “klei­nen Haus­ty­ran­nen” groß­zie­hen, ein Ergeb­nis, das nach all­ge­mei­ner Mei­nung unwei­ger­lich ein­tre­ten wür­de, lie­ße man sei­nem Kind zu viel Frei­raum für eige­ne Wün­sche und Bedürf­nis­se.

Wie lässt es sich erklä­ren, dass die­se bei­den gut­mei­nen­den, sta­bi­len, sehr nor­ma­len und sicher­lich nicht destruk­ti­ven Men­schen das spä­te­re Unge­heu­er Adolf Hit­ler in die Welt set­zen?
Helm Stier­lin, Adolf Hit­ler, Fami­li­en­per­spek­ti­ven‘ (1975, zitiert nach A.Miller)


Alois Hit­ler“ von Rein­eg­ger, Josef [pho­to­gra­pher] — Baye­ri­sche Staats­bi­blio­thek, Mün­chen (Foto­ar­chiv Hoff­mann), image ID: Hoff-2234 [1]. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, ca. 1897

Alois’ gut­bür­ger­li­che Fas­sa­de brö­ckelt, sobald man einen genaue­ren Blick hin­ter die bie­de­re Kulis­se der Wohl­an­stän­dig­keit wirft. Alle Hit­ler-Bio­gra­fen berich­ten über­ein­stim­mend von Alois‘ Unrast, sei­nen impul­si­ven Ent­schlüs­sen, sei­nem unste­ten Tem­pe­ra­ment und sei­nen Gewalt­aus­brü­chen.
Offen­sicht­lich erzieht er sei­ne Kin­der nicht nur mit har­ter Hand, um sie abzu­här­ten, son­dern nutzt sei­ne “Erzie­hungs­ge­walt” auch als Ven­til für sei­nen eige­nen Zorn und sei­ne Frus­tra­tio­nen.

Er prü­gelt.

Regel­mä­ßig bekom­men sei­ne Kin­der, der Hund und ver­mut­lich auch die Ehe­frau sei­nen Zorn zu spü­ren.
 Hit­ler-Bio­graf John Toland schreibt:

Er war streit­süch­tig und reiz­bar gewor­den. Zum Haupt­ob­jekt der väter­li­chen Miss­stim­mung wur­de Alois jr. Zeit­wei­se lag der Vater, der abso­lu­ten Gehor­sam ver­lang­te, mit die­sem Sohn in dau­ern­dem Streit, weil der Jun­ge sich wei­ger­te, die­se Füg­sam­keit zu zei­gen.
Spä­ter beklag­te Alois jr. sich bit­ter dar­über, dass sein Vater in häu­fig ‚unbarm­her­zig mit der Nil­pferd­peit­sche geschla­gen‘ habe, aber im dama­li­gen Öster­reich waren schlim­me kör­per­li­che Züch­ti­gun­gen von Kin­dern kei­nes­falls unüb­lich; man erach­te­te eine sol­che Behand­lung als güns­tig für die see­li­sche Ent­wick­lung eines Kin­des.
Als der Jun­ge ein­mal an drei Tagen nicht zur Schu­le gegan­gen war, weil er ein Spiel­zeug­boot fer­tig­stel­len woll­te, wur­de er von sei­nem Vater, der ihn durch­aus zu die­sem Hob­by ermu­tigt hat­te, mit der Peit­sche trak­tiert und so lan­ge miss­han­delt, bis er das Bewusst­sein ver­lor.
Eini­gen Erzäh­lun­gen zufol­ge wur­de auch Adolf – wenn auch nicht so häu­fig – mit der Peit­sche gezüch­tigt, und den Hund schlug der Herr des Hau­ses ‚so lan­ge, bis er sich krümm­te und den Fuß­bo­den näss­te‘.“
John Toland, zitiert nach A.Miller


Preis: EUR 4,97


Film­tipp: “Das wei­ße Band”* Ein bewe­gen­der Film über die “Schwar­ze Päd­ago­gik”, die vie­le Jahr­hun­der­te lang Kind­heit und Erzie­hung präg­te:

Micha­el Han­eke, Das weis­se Band, 2010. DVD
FSK: ab 12 Jah­ren

Das Gerücht

Recht­lich war mit dem nach­träg­lich legi­ti­mier­ten Vater zumin­dest alles gere­gelt, und die Welt des Alois Hit­ler hät­te sei­ne Ord­nung haben kön­nen.
Doch in der Fami­lie gab es noch einen wei­te­re Schat­ten, der erst Alois, spä­ter auch sei­nem Sohn Adolf schwer zu schaf­fen macht. Dabei ist es nur ein Gerücht – Ali­ce Mil­ler nennt es das ‚omi­nö­se Gerücht, denn ein Gerücht bleibt “irgend­wie” immer in der Welt, man kann damit oft viel schwe­rer leben als mit Tat­sa­chen.

Das Gerücht besagt, dass der nach­träg­lich im Kirch­buch von Döl­lers­heim ein­ge­tra­ge­ne Vater von Alois eben nicht wie behaup­tet jener stel­lungs­lo­se Mül­ler­ge­sel­le Johann Georg Hied­ler war, den Alois’ Mut­ter spä­ter gehei­ra­tet hat, son­dern der kon­ver­tier­te Gra­zer Jude Fran­ken­ber­ger, in des­sen Haus­halt Anna Maria in Stel­lung war, als sie schwan­ger wur­de.

Das Gerücht wur­de nie bewie­sen, wider­legt wer­den konn­te es aber auch nicht. Es blieb ein­fach hän­gen und sogar auf dem Höhe­punkt sei­ner Macht muss­te sich Adolf Hit­ler mit dem Gerücht her­um­schla­gen, mög­li­cher­wei­se einen jüdi­schen Groß­va­ter zu haben, wie Joa­chim Fest in sei­ner exzel­len­ten Hit­ler-Bio­gra­fie schreibt:

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Hit­ler, Adolf: Reichs­kanz­ler, Deutsch­land, 20 April 1937. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-S33882/CC BY-SA 3.0

Mit den bei­den Brü­dern, dem Mül­ler­ge­sel­len Johann Georg Hied­ler und dem Bau­ern Johann Nepo­muk Hütt­ler, sind zwei mut­maß­li­che Väter Alois Schick­lgru­bers benannt.
Der drit­te ist, einer eher aben­teu­er­li­chen, immer­hin aus der enge­ren Umge­bung stam­men­den Ver­si­che­rung zufol­ge, ein Gra­zer Jude namens Fran­ken­ber­ger, in des­sen Haus­halt Maria Anna Schick­lgru­ber tätig gewe­sen sein soll, als sie schwan­ger wur­de.
Jeden­falls hat Hans Frank, Hit­lers lang­jäh­ri­ger Anwalt und spä­te­rer Gene­ral­gou­ver­neur in Polen, im Rah­men sei­nes Nürn­ber­ger Rechen­schafts­be­richts bezeugt, Hit­ler habe im Jah­re 1930 von einem Sohn sei­nes Halb­bru­ders Alois in mög­li­cher­wei­se erpres­se­ri­scher Absicht einen Brief erhal­ten, der sich in dunk­len Andeu­tun­gen über ‚sehr gewis­se Umstän­de‘ der hit­ler­schen Fami­li­en­ge­schich­te erging.
Frank erhielt den Auf­trag, der Sache ver­trau­lich nach­zu­ge­hen, und fand eini­ge Anhalts­punk­te für die Ver­mu­tung, dass Fran­ken­ber­ger der Groß­va­ter Hit­lers gewe­sen sei. Der Man­gel an nach­prüf­ba­ren Bele­gen lässt die­se The­se frei­lich über­aus frag­wür­dig erschei­nen, wie wenig Anlass Frank auch gehabt haben mag, Hit­ler von Nürn­berg aus einen jüdi­schen Vor­fah­ren zuzu­schrei­ben; jün­ge­re Unter­su­chun­gen haben die Glaub­wür­dig­keit sei­ner Ver­si­che­rung wei­ter erschüt­tert, so dass die The­se der ernst­haf­ten Erör­te­rung kaum noch stand­hält.
Ihre eigent­li­che Bedeu­tung liegt denn auch weni­ger in ihrer objek­ti­ven Stich­hal­tig­keit; weit ent­schei­den­der und psy­cho­lo­gisch von Bedeu­tung war, dass Hit­ler sei­ne Her­kunft durch die Ergeb­nis­se Franks in Zwei­fel gezo­gen sehen muss­te.
Eine erneu­te Nach­for­schungs­ak­ti­on, im August 1942 von der Gesta­po im Auf­trag Hein­rich Himm­lers unter­nom­men, blieb ohne greif­ba­ren Erfolg, und nicht viel gesi­cher­ter als alle übri­gen Groß­va­ter­schafts­theo­ri­en, wenn auch von eini­gem kom­bi­na­to­ri­schen Ehr­geiz zeu­gend, ist die Ver­si­on, die Johann Nepo­muk Hütt­ler ‚mit an abso­lu­te Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit‘ als Vater Alois Schick­lgru­bers bezeich­net.
Zuletzt endet die eine wie die ande­re die­ser The­sen im Dun­kel ver­wor­re­ner, von Not, Dumpf­heit und länd­li­cher Bigot­te­rie gepräg­ter Ver­hält­nis­se: Adolf Hit­ler wuss­te nicht, wer sein Groß­va­ter war.“
Joa­chim Fest, Hit­ler Eine Bio­gra­phie


Copy­right: Agen­tur für Bild­bio­gra­phi­en, www.bildbiographien.de, 2016


Lesen Sie in der Fort­set­zung: Für die dama­li­ge Zeit hat­te Adolf Hit­ler eine ganz „nor­ma­le“ Kind­heit. Dis­zi­plin, Gehor­sam und Füg­sam­keit waren jahr­hun­der­te­lang nicht nur ers­te Unter­ta­nen-, son­dern auch obers­te Kin­der­pflicht. Und so wächst Adolf Hit­ler auf, wie vie­le ande­re auch: Als Sohn eines ‘erzie­hen­den’ — prü­geln­den — Vaters und einer Mut­ter, die zwar lie­be­voll, aber auch schwach ist.: 
Hit­lers Mut­ter Kla­ra

Appen­dix:

  • Alois Hit­ler Juni­or hat­te einen Sohn mit sei­ner ers­ten Ehe­frau, der Irin Brid­get Dow­ling namens Wil­liam Patrick Hit­ler. Die­ser leb­te bis 1987, wech­sel­te sei­nen Namen, emi­grier­te nach New York, trat dort in die Armee gegen Hit­ler ein, und hat wie­der­um vier Söh­ne mit sei­ner deutsch­stäm­mi­gen Ehe­frau Phyl­lis. (Alex­an­der Adolf, Lou­is, Howard [†1989] und Bri­an Hit­ler).
  • Heinz Hit­ler, zwei­ter Sohn von Alois Hit­ler Juni­or, mit sei­ner zwei­ten Ehe­frau Hed­wig, starb in rus­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft.
  • Ange­la Hit­ler hei­ra­te­te den Steu­er­be­am­ten Leo Rau­bal und hat­te drei Kin­der, ihre Toch­ter Ange­la (Geli) Rau­bal leb­te zeit­wei­se im Haus­halt ihres “Onkel Wolf” und brach­te sich 1931 — mög­li­cher­wei­se — sei­net­we­gen um.
    Leo Rau­bal Juni­or, kämpf­te im 2. Welt­krieg und kehr­te 1955 aus rus­si­scher Gefan­gen­schaft zurück. Die Deut­schen hat­ten ihn gegen Sta­lins Sohn Jascha aus­tau­schen wol­len, die­ser lehn­te das Begeh­ren mit der Begrün­dung “Krieg ist Krieg” ab. Leos Sohn Peter lebt als pen­sio­nier­ter Inge­nieur In Öster­reich und lehnt Ansprü­che auf ein Erbe von Adolf Hit­ler ab.
    Elfrie­de (Friedl) Rau­bal verh. Hoch­eg­ger, hat Nach­kom­men im Raum Linz, starb im Jah­re 1993, und erreich­te damit von allen Hit­ler-Ver­wand­ten das höchs­te Alter.

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Joa­chim C. Fest, Hit­ler. Eine Bio­gra­phie. Ull­stein Ver­lag GmbH Ber­lin, Taschen­buch, unge­kürz­te Aus­ga­be, 2002

 
Ali­ce Mil­lers Klas­si­ker „Am Anfang war Erzie­hung“ ist heu­te aktu­el­ler denn je – gesell­schaft­lich, für vie­le aber auch sehr per­sön­lich. Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin über Kind­heit, Erzie­hung und “schwar­ze Päd­ago­gik” — und ihre Fol­gen. Ali­ce Mil­ler, Am Anfang war Erzie­hung*. Suhr­kamp Ver­lag, Frank­furt am Main, Taschen­buch, unge­kürz­te Ausgabe,1980
Preis: EUR 10,99

Was wäre gewe­sen, wenn … Hit­ler den Krieg gewon­nen hät­te und Groß­deutsch­land vom Rhein bis zum Ural rei­chen wür­de. Ein groß­ar­ti­ges Buch zwi­schen Fic­tion, Kri­mi und vie­len his­to­risch aus­ge­spro­chen inter­es­san­ten Fak­ten. Robert Har­ris, Vater­land*. Heyne Ver­lag, 2017

Die Geschich­te der Deut­schen gut, über­sicht­lich und ver­ständ­lich erklärt. Für alle Geschichts­in­ter­es­sier­ten pri­ma zum Nach­schla­gen und Quer­le­sen geeig­net. Chris­ti­an v. Dit­furth: Deut­sche Geschich­te für Dum­mies*, Wiley-VCH Ver­lag GmbH & Co. KGaA, Wein­heim, 2012

Eine fast unbe­kann­te Frau, die viel­leicht mehr Ein­fluss auf die Welt­ge­schich­te hat­te, als wir ahnen: Hit­lers Groß­mut­ter*, eine Roman­bio­gra­fie über das Leben der Anna Maria Schick­lgru­ber.
Ilse Krum­pöck, Hit­lers Groß­mut­ter*, Stein­ver­lag, Bad Traun­stein 2011, 288 Sei­ten, Gebun­den

Wei­ter­füh­ren­de Links zum The­ma:


Es war wäh­rend des Drit­ten Rei­ches ein Best­sel­ler und galt als d e r Leit­fa­den zur Kin­der­er­zie­hung. Über die NS-Päd­ago­gik und Johan­na Haa­rers Mach­werk.
Zwi­schen Drill und Miss­hand­lung: Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind


Adolf Hit­ler hat­te ein sehr gro­ßes Inter­es­se an Frau­en (und umge­kehrt) und war bei wei­tem nicht der “ein­sa­me Wolf”, als der er sich in der Öffent­lich­keit ger­ne dar­stel­len ließ. Adolf Hit­ler, die Frau­en, sein deutsch-bri­ti­sches Tech­tel­mech­tel und die Fra­ge: Wäre Hit­ler ein guter Schwie­ger­sohn gewe­sen?
Vom It-Girl zur Wal­kü­re: Die Welt der Unity Mit­ford


Adolf Hit­ler und sei­ne Anhän­ger. Wer folg­te den Natio­nal­so­zia­lis­ten und was bringt Men­schen dazu, zu Mör­dern zu wer­den?
Die Erlaub­nis zu has­sen


Auch Hit­lers “Bru­der im Geis­te” war ein geprü­gel­tes Kind, das nie wein­te:
Wer war eigent­lich Sta­lin? Teil 1


4474 Tage währ­te das 1000jährige Reich auf deut­schem Boden.
Dann brach es am 8. Mai 1945 in einem Infer­no aus Blut, Trä­nen und Aber­mil­lio­nen Toten zusam­men. Eine kur­ze Chro­no­lo­gie zum 70. Jah­res­tag des Kriegs­en­des:
Vor 70 Jah­ren: Welt­kriegs­en­de — Zusam­men­bruch — Befrei­ung


Wei­ter­füh­ren­de Arti­kel zum The­ma:


Spie­gel Online: Die deut­sche Kata­stro­phe. Georg Bönisch über Joa­chim Fests Meis­ter­werk „Hit­ler. Eine Bio­gra­phie“
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-50828283.html


Sta­lin und der sadis­ti­sche Macho-Kult des Tötens. Über das Buch „Ver­brann­te Erde“ von Jörg Babe­row­ski
http://www.welt.de/kultur/history/article13885068/Stalin-und-der-sadistische-Macho-Kult-des-Toetens.html


Welt-Geschich­te: Was Hit­ler in senem “Urlaub” so alles tat:
http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article153542775/Was-Hitler-in-seinem-Urlaub-so-alles-tat.html


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Bild­nach­wei­se:

1. “Alois Hit­ler in his last years” by Unknown — The Life and Death of Adolf Hit­ler by Robert Pay­ne [1]. Licen­sed under Public Domain via Com­mons
2. Kir­che und Fried­hof von Döl­lers­heim auf dem Are­al des Trup­pen­übungs­plat­zes Allent­steig in Nie­der­ös­ter­reich. “Guent­herZ 2011-03-19 0082 Doel­lers­heim Rui­ne Kir­che Fried­hof” by Guent­herZ — Own work. Licen­sed under CC BY 3.0 via Com­mons

3. „Stamm­baum Adolf Hit­ler 3“. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stammbaum_Adolf_Hitler_3.svg#/media/File:Stammbaum_Adolf_Hitler_3.svg
4. Adolf Hit­ler, Kin­der­bild. Bun­des­ar­chiv Bild 183‑1989-0322–506/ ca. 1889/1890 / Pho­to­gra­pher unknown/ CC BY-SA 3.0
5. „Kla­ra Hit­ler“ von Unbe­kannt — forum.axishistory.com. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons
6.„Alois Hit­ler“ von Rein­eg­ger, Josef [pho­to­gra­pher] — Baye­ri­sche Staats­bi­blio­thek, Mün­chen (Foto­ar­chiv Hoff­mann), image ID: Hoff-2234 [1]. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, ca. 1897
7. Hit­ler, Adolf: Reichs­kanz­ler, Deutsch­land, 20 April 1937. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-S33882/CC BY-SA 3.0

2 Gedanken zu „Vom verborgenen zum manifesten Grauen: Kindheit und Jugend Adolf Hitlers

  1. Guten Tag,
    eine Fra­ge sei mir erlaubt.
    Maria Anna Schick­lgru­ber hat­te, unter­schied­li­chen Berich­ten zur Fol­ge, eine Schwes­ter. An ande­ren Stel­len kann man lesen, dass es aber ins­ge­samt elf Kin­dern gewe­sen sei­en, von denen nur fünf das Kind­heits­al­ter über­lebt hät­ten.
    Kön­nen Sie mir sagen, was nun wirk­lich den Tat­sa­chen ent­spricht?
    Vie­len Dank vor­ab,

    Peter Fried­rich
    P.S. Ist es mög­lich, mir die Ant­wort an mei­ne e-mail Adres­se zu über­sen­den?

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