Vor 70 Jahren: Weltkriegsende – Zusammenbruch – Befreiung

Heilbronn

Nach Kriegsende, Heilbronn 1945 After the end of the war, 1945, By US Army, Public Domain

4474 Tage währte das 1000jährige Reich auf deutschem Boden.
Dann brach es am 8. Mai 1945 in einem Inferno aus Blut, Tränen und Millionen Toten zusammen. Eine Chronologie des fürchterlichsten Krieges in der Weltgeschichte.

Die Absicht, den deutschen „Lebensraum“ unter allen Umständen zu erweitern, hatte Adolf Hitler schon in seinem Buch „Mein Kampf“ formuliert und in Propagandareden ständig wiederholt. Seit der „Machtergreifung“ im Jahr 1933 wird die deutsche Außen- und Innenpolitik, die Wirtschafts- und Finanzpolitik auf dieses Ziel ausgerichtet.

Die Ouvertüre: Appeasement 1938

Wenn Hitler Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, würden nur wenige zögern, ihn einen der größten Staatsmänner der Deutschen zu nennen“, schreibt Joachim Fest in seiner exzellenten Hitler-Biographie. Und Sebastian Haffner schildert in seinen ‚Anmerkungen zu Hitler‘ (1978) einen Zeitraum vom Frühjahr 1938 bis zum Frühjahr 1939, in dem bis zu 90 Prozent aller Deutschen Hitler-Anhänger gewesen sein sollen.
Dem „Führer“ scheint alles zu gelingen …

Trotzdem ist das Aufatmen der deutschen Bevölkerung unermesslich groß, als am Abend des 29. September 1938, das „Münchner Abkommen“ verkündet wird – einen Krieg will außer Hitler und seine Getreuen nämlich niemand, nicht einmal die meisten seiner Militärs.

Nach wie vor eine der besten, fundiertesten – und umfangreichsten (über 1000 Seiten) – Hitler-Biografien. Prädikat: Besonders lesenswert!
Joachim C. Fest, Hitler. Eine Biographie. Ullstein Verlag GmbH Berlin, Taschenbuch, ungekürzte Ausgabe, 2002


Aber der „Führer“ hat zur Erleichterung vieler auch dieses Mal sein Vabanquespiel gewonnen: Die „Appeasement“-Politiker Frankreichs und Großbritanniens haben ihre Zustimmung zum Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich gegeben, außerdem wird ein Friedenspakt zwischen England und Deutschland geschlossen.
Der Frieden scheint jetzt endlich gerettet zu sein, Hitlers Machtansprüche befriedigt. Kurz nach dem Abkommen erklärt Hitler in einer Rede, „dies sei nun die letzte Forderung, die er an die Welt zu stellen habe.“

Einwohner von Eger beim Einrücken deutscher faschistischen Verbände. Herausgabedatum: 5. Oktober 1938, Scherl / Weltbild, Bundesarchiv, Bild 183-H13160 / CC BY-SA 3.0

Hitlers Versprechungen sind wie so oft Augenwischerei.
Nach der Besetzung des Sudetenlandes laufen die Kriegsvorbereitungen auf Hochtouren.
Die Rest-Tschechoslowakei sei kein lebensfähiger Staat, die deutsche Generalität mache sich Sorgen über die geopolitische Lage dieses Staates, der – auf der Landkarte betrachtet – wie ein Pfahl im Fleisch des großdeutschen Reiches säße. Goebbels‘ Propagandaministerium lässt in den Zeitungen und über den Rundfunk fast täglich Berichte über angebliche Gräueltaten verbreiten, die Tschechen an harmlosen Sudetendeutschen verübt haben sollen. Immer wieder heißt es, dass Böhmen für die Russen eine ideale Flugbasis bilde.
Wer will, kann ahnen, dass Hitlers Machthunger noch lange nicht gestillt ist.

Ein knappes halbes Jahr nach dem Münchner Abkommen, im März 1939, marschiert die Wehrmacht in Prag ein. Die reiche und hochentwickelte Tschechoslowakei, die einst als die „zweite Schweiz Europas“ gegolten hat, verschwindet von der Landkarte.


Partnerwahl: Die britischen Gouvernanten zieren sich

Nach der Unterzeichnung im Gespräch J.W. Stalin und der deutsche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop (r.), Bundesarchiv, Bild 183-H27337 / CC BY-SA 3.0

Hitler wirbt bei den Briten seit Mitte der 1930er Jahre für ein gemeinsames Bündnis. Sein Ziel ist es, für seinen bereits in „Mein Kampf“ angekündigten Krieg im Osten den Rücken frei zu haben.
Ab dem Jahr 1934 finden sogenannte „Pilgerreisen“ britischer Politiker, Journalisten, Adliger und Industrieller statt, in Berlin oder auf den Obersalzberg werden sie vom „Führer“ persönlich empfangen und von der Sinnhaftigkeit eines solchen Bündnisses überzeugt.

Lange Zeit scheint es, als ob man auf der Insel den Plänen eines deutsch-britischen Techtelmechtels nicht abgeneigt ist, aber die „britischen Gouvernanten“ , wie Hitler seine potenziellen Lieblings-Bündnispartner schließlich nennt, zieren sich und winken ab. Ebenso scheitert seine Idee, die Polen zu einem gemeinsamen Angriff auf die Sowjetunion zu überreden.

Dann geschieht das für viele Unfassbare: Im August 1939 schließen Hitler und Stalin – „Unmensch“ und „Bestie„, wie sich die Diktatoren gegenseitig zu bezeichnen pflegen – einen „Nichtangriffspakt“.
Die Unterschriften unter den Verträgen und dem „geheimen Zusatzprotokoll“ (das die Aufteilung Polens vorsieht) ist kaum trocken, als die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 ohne Kriegserklärung Polen angreift und der Zweite Weltkrieg beginnt.

Drôle de guerre – Sitzkrieg

Es herrscht eine eigenartige und gedrückte Stimmung im Land, als die Deutschen am 1. September 1939 über die Rundfunkgeräte immer und immer wieder die Passage hören müssen, mit der  Hitler vor dem Reichstag den Überfall auf Polen begründet. Viele ahnen, dass der angebliche Kriegsgrund eine Lüge ist. (Das Bombardement der Danziger Westerplatte begann außerdem um 4 Uhr 45.)

„Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten! Wer mit Gift kämpft, wird mit Giftgas bekämpft. Wer selbst sich von den Regeln einer humanen Kriegsführung entfernt, kann von uns nichts anderes erwarten, als dass wir den gleichen Schritt tun. Ich werde diesen Kampf, ganz gleich, gegen wen, so lange führen, bis die Sicherheit des Reiches und bis seine Rechte gewährleistet sind.“
Adolf Hitler am 1. September 1939 vor dem Reichstag

Anders als im August 1914 gibt es auf den Straßen weder hysterischen Jubel noch spontane patriotische Kundgebungen oder Gesänge.
Kaum jemand hat diesen neuen Krieg gewollt, viele fürchten ihn, denn die Erinnerungen an den
ersten Weltkrieg mit Millionen von Opfern und der chaotischen Nachkriegszeit sind gerade einmal 20 Jahre alt. Auf den Straßen sieht man im September 1939 nur ernste Gesichter mit zusammengebissenen Zähnen.

Zwar gibt es keine Begeisterung, aber auch keinen Widerstand oder offen geäußerte Angst.
Der Führer wird’s schon richten“ ist ein geläufiger Spruch, mit dem man sich zu trösten versucht.
Die Wehrmacht, die Beamtenschaft, die Partei und nicht zuletzt die Deutschen funktionieren.

Polen ist mit Frankreich verbündet, aber eingreifen mögen die Franzosen nicht.
Dass ein Bündnis mit Frankreich im Krisenfall nicht viel wert ist, haben die Franzosen mittlerweile schon mehrmals bewiesen: 1938 auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise, als der tschechoslowakische Staatspräsident Edvard Beneš seinen Bündnispartner Frankreich mehrmals zum militärischen Eingreifen drängen will, und auch im März 1939, als die „Rest-Tschechei“ von der deutschen Wehrmacht „beseitigt“ wird, und Frankreich bis auf Proteste nichts unternimmt.

Franzosen und Briten erklären dem Deutschen Reich nach dem Überfall Polens den Krieg, aber sie unternehmen nichts.
Wie erstarrt sehen sie zu, wie Hitlers Wehrmacht im Osten freie Bahn hat, den polnischen Feldzug als „Blitzkrieg“ führen und in wenigen Wochen beenden kann. Im Westen herrscht ein eigenartiger Sitzkrieg – Drôle de guerre – „komischer Krieg
Eine historische Chance geht verloren, denn es ist klar, dass an der deutschen Westgrenze nur wenige Einheiten zur Verteidigung Deutschlands zur Verfügung stehen. Trotzdem: Keiner wagt es, den ersten Schuss abzugeben.

BlitzkriegE

Die fatalistische Stimmung der Deutschen schlägt nach dem raschen Kriegserfolg in Polen schließlich doch noch in eine Art vertrauensvoller Zuversicht um.

Die Wehrmacht scheint unschlagbar zu sein. Nach Polen werden in kurzen konzertierten Feldzügen Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, ein Großteil Frankreichs, Jugoslawien und Griechenland erobert und besetzt. Bis Mitte 1941 jagt im Radio eine Sondermeldung die nächste, eingeleitet durch die jeweilige „Sondermeldungsfanfare“ („Die Wacht am Rhein“ beispielsweise als Frankreichfanfare, die Sinfonische Dichtung für Orchester Nr. 3″, „Les Préludes“, von Franz Liszt als „Russlandfanfare“).

Nur die Briten verwehren den scheinbar Unbesiegbaren den Blitzkrieg.
Großbritannien ist ab der Kapitulation Frankreichs am 22. Juni 1940 bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 ein Jahr lang Deutschlands einziger verbliebener Kriegsgegner und steht mit dem Rücken zur Wand.

Am 16. Juli 1940 befiehlt Hitler die Operation Seelöwe, die Landung in Großbritannien. Damit dieser Plan gelingen kann, beginnt im August 1940 der Luftkrieg über England.
Die Briten halten durch, mit „Blut, Schweiß und Tränen“ , angeführt durch die Standfestigkeit ihres Premiers Winston Churchill und der Königsfamilie. Für den weiteren Kriegsverlauf ist das Durchhalten der Briten von entscheidender Bedeutung.

sir-winston-churchill-396973„You ask, what is our aim? I can answer in one word: Victory.
Victory at all costs – Victory in spite of all terror – Victory, however long and hard the road may be, for without victory there is no survival.“

Winston Churchill am 13. Mai 1940 vor dem britischen Unterhaus,
3 Tage nach seiner Ernennung zum britischen Premierminister und Nachfolger von Neville Chamberlain


Das „Unternehmen Barbarossa“

Es gleicht einem Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der sonst bis an die Grenze zur Paranoia misstrauische Stalin die Zeichen der Zeit nicht erkennt.

Ab März 1941 berichten immer mehr sowjetische Spione von einem nicht enden wollenden Strom deutscher Truppen, die Richtung Osten marschieren, täglich brächten bis zu vier Züge deutsche Soldaten und Panzer in die Aufmarschräume in Polen.
Anfang Mai 1941 meldet der Agent Richard Sorge aus Japan nach Moskau, dass ein Angriff der Deutschen mit 150 Divisionen unmittelbar bevor stünde. Geplanter Termin: der 20. Juni 1941. Stalin wiegelt ab und droht seinen Militärs und Beratern, es würden „Köpfe rollen“, wenn sie ohne seine Erlaubnis Truppenbewegungen durchführten.

Am 22. Juni 1941 beginnt nach mehrwöchigen Verzögerungen das „Unternehmen Barbarossa“, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion, mit dem Adolf Hitler seinem „Volk ohne Raum“ den Lebensraum im Osten geben will. Darüber hatte er bereits 1925 in „Mein Kampf“ geschrieben.
Stalin hätte es wissen können, denn er ist einer der wenigen ausländischen Staatsmänner, die Hitlers Manifest gelesen haben.
Völlig überrumpelt und am Boden zerstört zieht er sich auf seine Datscha zurück und ist für mehrere Tage für niemanden zu sprechen.

„Lenin hat unseren Staat geschaffen, und wir haben ihn verschissen.“
Stalin sechs Tage nach dem deutschen Überfall vom 22. Juni 1941


Der gefürchtete „Zweifrontenkrieg“ kommt auch für die deutsche Bevölkerung überraschend. Tief bedrückt vernehmen die Deutschen Hitlers Propagandalüge, der „russische Aufmarsch gegen die deutsche Grenze“ sei in vollem Gange: Um den Wahnsinn einer zweiten Front plausibel zu machen, verkauft man ihnen den Krieg gegen den einstigen Bündnispartner Sowjetunion als Aggression der „Bolschewisten“ .

Dieser Krieg gegen die Sowjetunion macht den Deutschen Angst.
Unmut – wenn auch sehr leise geäußert – breitet sich aus.

Fast sieht es so aus, als ob Hitlers Feldzug im Osten gelingen könnte.
Die von den stalinistischen Säuberungen der vorangegangenen Jahre dezimierten sowjetischen Truppen erleiden schwere Verluste und werden von der Wehrmacht Richtung Osten getrieben. Moskau ist bereits evakuiert, sogar der einbalsamierte Leichnam Lenins wird abtransportiert.

Dann setzt im Oktober 1941 der Herbstregen ein, die deutsche Invasion bleibt nach wochenlangem Vormarsch im Matsch vor Moskau stecken. Im November 1941 gelingt es einigen wenigen deutschen Einheiten noch, die Außenbezirke Moskaus zu erreichen. Dann beginnt der gefürchtete russische Winter früher als gewöhnlich. Der Wetterwechsel ist mächtiger als alle sowjetischen Armeen.
Maschinen und Waffen versagen in der klirrenden Kälte. Viele Soldaten erfrieren, weil man sie im Vertrauen auf einen schnellen Sieg ohne Winterausrüstung nach Russland geschickt hat. Die fehlende Ausrüstung soll nun – viel zu spät – durch Sammlungen in der Heimat beschafft werden.

„Vormarsch unserer Truppen durch die Winterlandschaft vor Moskau. Die Wege sind gefroren und trotz der Kälte geht es leicht vorwärts.“ (Kriegsberichter Cusian, 21.11.41), Bundesarchiv, Bild 183-L20813 / CC BY-SA 3.0

Pearl Harbour

Der Krieg der Deutschen an der Ostfront tobt ein halbes Jahr, als am 7. Dezember 1941 das mit Deutschland und Italien verbündete Japan ohne Kriegserklärung den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbour bombardiert.

Am 11. Dezember erklären die mit Japan verbündeten Achsenmächte Deutschland und Italien den USA den Krieg.
Der US-amerikanische Präsident Roosevelt hatte bereits lange Zeit die bedrängten Briten und die Sowjetunion mit Waffen und Material unterstützt; offiziell in den Krieg eintreten konnte er gegen den Willen einer Mehrheit der Amerikaner nicht.
Der japanische Angriff auf Pearl Harbour und die Kriegserklärung der Achsenmächte ändern alles.

Ende 1942 kämpfen in Nordafrika erstmals US-amerikanische gegen deutsche Truppen. Aus dem innereuropäischen Krieg ist ein Weltkrieg geworden, der mit nie gekannter Grausamkeit und zunehmender Brutalität auf allen Seiten geführt wird.
Niemand schert sich mehr um die nach dem ersten Weltkrieg mühsam errungenen Regeln und Konventionen. Ein Menschenleben – sei es nun das eines Soldaten oder eines Zivilisten – ist nichts mehr wert.

Luftkrieg

Bereits seit Mai 1940 hatte die britische Royal Air Force (RAF) Luftangriffe gegen Ziele in Deutschland geflogen, aber die Entfernung ist riesig und für die britischen Bomber kaum zu bewältigen. Trotz der geringen Aussichten, dem deutschen Kriegsgegner ernsthaft schaden zu können, fliegen sie. Die RAF-Bombardements sind allerdings mehr psychologische Nadelstiche und keine ernsthafte Bedrohung für das „Blitzkrieg“ gewöhnte Deutsche Reich.
Das wird nach dem Kriegseintritt der Amerikaner Ende 1941 schlagartig anders. Für die Briten bedeutet der neue, nun auch offizielle Verbündete, die immens wichtige Verstärkung an Mensch und Material. Die deutsche Zivilbevölkerung, die den Krieg hauptsächlich aus den Sondermeldungen im Radio und durch die Bilder der Wochenschau im Kino kennt, bekommt ihn jetzt spüren.
Tag für Tag und Nacht für Nacht.

B-17 Flying Fortress, gemeinfrei

Ab Mitte 1942 gehen die Alliierten dazu über, große Bomberpulks nach Deutschland zu schicken, um sowohl Industrie- und Militäreinrichtungen zu zerstören, aber auch um die Moral der Bevölkerung zu brechen.
Die amerikanische USAAF konzentriert sich in Tagesangriffen vorwiegend auf Industrieziele, während die Bomber der britischen RAF bei Nacht die Städte bombardieren, um Zivilbevölkerung und kämpfende Soldaten zu demoralisieren.


Der Totale Krieg

Wollt Ihr den totalen Krieg?“ brüllt Propagandaminister Joseph Goebbels in seiner Sportpalastrede vom 18. Februar 1943 und erntet frenetischen Jubel.

Für viele Deutschen ist die grauenvollen Schlacht bei Stalingrad mit 700.000 Toten und die Kapitulation der 6. Armee Ende Januar 1943 die psychologische Wende: Ab diesem Zeitpunkt glauben viele nicht mehr, dass dieser Krieg zu gewinnen ist.
Doch die Angst vor der „rasenden Rachsucht“ der Bolschewisten und die durch geschickte Propaganda geschürte Wut über den „angloamerikanischen Bombenterror“ lässt sie durchhalten. Viele sind kriegsmüde, mobilisieren aber ihre letzten Kräfte – und hoffen trotz aller Zweifel auf den versprochenen „Endsieg“.

Am 10. Juli 1943 landen alliierte Streitkräfte in Sizilien und kämpfen sich durch Italien Richtung Norden, ein knappes Jahr später, am 6. Juni 1944 beginnt die „Operation Overlord“ – der „längste Tag“: die Landung englischer, amerikanischer, französischer und polnischer Soldaten in der Normandie.

An der Ostfront treibt die Roten Armee die Deutsche Wehrmacht Richtung Westen, bereits im Frühjahr 1944 erreichen sowjetische Kampfverbände die Grenze Rumäniens, der Tschechoslowakei und des ehemaligen Polen.
Die nationalsozialistische Propaganda beschönigt den einsetzenden Rückzug deutscher Truppen an fast allen Fronten als „Frontbegradigungen“ . Im Radio – vom Volksmund „Goebbelsschnauze“ genannt – wird über Mittel- und Langwelle verkündet, dass die Soldaten der deutschen Wehrmacht erst Heimatboden erreicht haben müssten, um „das Reich“ besser verteidigen und die Feinde zurückschlagen zu können.

Im zivilen Deutschland wissen viele nicht weiter.
Besonders im Osten hat man fürchterliche (und begründete) Angst vor den heranrückenden „Bolschewiken“.
Flucht ist den Bewohnern Ostpreußens unter Androhung schwerer Strafen verboten worden, Hitler will der vorrückenden Roten Armee einen menschlichen „Schutzwall“ entgegenstellen – die Parteibonzen hatten sich selbst natürlich schon längst in Sicherheit gebracht.

Im Westen nehmen die Luftangriffe auf deutsche Städte zu und fordern Tausende Menschenleben. Nacht für Nacht heulen in den Großstädten die Sirenen, viele Menschen verbringen die meisten Nächte in Luftschutzkellern, immer in der Angst, bei einem direkten Treffer verschüttet zu werden. Frauen leben in permanenter Furcht um das Leben ihrer Söhne und Männer an den verschiedenen Kriegsschauplätzen, besonders um die, die an der Ostfront kämpfen müssen.


Hitlerjungen und alte Männer werden zum „Volkssturm“ eingezogen, dem letzten Aufgebot. War bis weit in den Krieg hinein die Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung gut, so wird jetzt bemerkbar, dass immer mehr ehemals besetzte Gebiete nicht mehr ausgebeutet werden können.
Die Deutschen sind erschöpft.
„Heil Hitler“ – der „Deutsche Gruß“ – verschwindet.

Hitler fordert den Kampf bis zum Untergang.

Der Untergang

Als am 12. April 1945 US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt überraschend stirbt, frohlockt Hitler für kurze Zeit und hofft auf den Zerfall der alliierten Koalition. Die Wehrmacht soll und muss weiterkämpfen – wie so oft mit der Drohung „bolschewistischer“ Gräueltaten.

Zu „Führers Geburtstag“ am 20. April empfängt er Gäste im Führerbunker. Hitler wird 56 Jahre alt und ist geistig und körperlich ein Wrack.

Am 22. April erleidet er einen Nervenzusammenbruch, als er erfährt, dass SS-Obergruppenführer Felix Steiner den befohlenen Entsatzangriff seiner Armeegruppe in der Schlacht um Berlin als undurchführbar verweigert hat.

Am 25. April 1945 reichen sich auf der zerstörten Elbbrücke in Torgau Soldaten der 90. US-Infanteriedivision und der sowjetischen Gardedivision die Hand.
Ost- und Westfront sind jetzt vereint. Berlin ist von der Roten Armee eingekesselt.

Am 28. April erfährt Hitler von Himmlers monatelangen Geheimverhandlungen mit den Alliierten über einen Separatfrieden und lässt daraufhin Himmlers Kontaktmann Herrmann Fegelein verhaften und erschießen.

Am 29. April verbreitet sich die Nachricht von der Erschießung des italienischen „Duce“ Benito Mussolini und der Misshandlung seiner Leiche.

Am 30. April heiratet Hitler seine Lebensgefährtin Eva Braun.
Danach diktiert er sein politisches Testament: Er ernennt seinen treuen Gefolgsmann und Hardliner, den Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine, Großadmral Karl Dönitz, zu seinem Nachfolger als Reichspräsidenten und Oberbefehlshaber der Wehrmacht. Goebbels soll neuer Reichskanzler werden.
Göring und Himmler werden aus der NSDAP ausgeschlossen.
Die Deutschen ruft er zur unbedingten Fortsetzung des Krieges, zur Einhaltung der Nürnberger Rassengesetze und zur weiteren „Vernichtung“ der Juden auf. Er verteilt Ampullen mit Zyankali und vergiftet seine Schäferhündin.

Am Nachmittag zieht sich Hitler mit seiner Ehefrau zurück.
Eva Braun schluckt Gift, Hitler erschießt sich.

Exakte Schätzungen gibt es nicht, aber es wird vermutet, dass zwischen 36 und 52 Millionen Menschen ihr Leben verloren haben.
Ungezählt bleiben die Millionen, die verletzt, obdachlos, vertrieben, deportiert oder inhaftiert wurden.
Das „Tausendjährige Reich“ ist nach zwölf Jahren untergegangen und hinterlässt Tod, Elend und unermessliches Leid.

Lesen Sie im nächsten Beitrag: Überrollt – Die neue Reichshauptstadt: Flensburg – Von mi gift dat nix! – Wir waren die Russen – Plötzlich waren alle Rittergutbesitzer – Wohlstand für alle
Ihr Flüchtlinge!


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Nach wie vor eine der besten, fundiertesten – und umfangreichsten (über 1000 Seiten) – Hitler-Biografien. Prädikat: Besonders lesenswert!
Joachim C. Fest, Hitler. Eine Biographie. Ullstein Verlag GmbH Berlin, Taschenbuch, ungekürzte Ausgabe, 2002

Das Leben des „roten Zaren“ von 1917 bis 1935. Ein Blick hinter die Kulissen am „Hof“ Stalins, informativ und spannend wie ein Krimi geschrieben.
Simon Sebag Montefiore: Stalin: Am Hof des roten Zaren*, Fischer Taschenbuch Verlag, 2006

Rund eine Millionen russischer Mädchen und Frauen zogen in den Krieg gegen die Deutschen, als Küchenhilfen, Sanitätshelferinnen, die Verletzte noch während der Gefechte aus den Frontlinien schleppten, als Soldatinnen. Swetlana Alexijewitsch‘ berührende Reportage mit Interviews ehemaliger Kriegsteilnehmerinnen. Ein sehr lesenswertes Buch!
„Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, Swetlana Alexijewitsch, Suhrkamp Taschenbuch, 2015

Der Historiker Jörg Baberowski über Stalins Gewaltherrschaft und die sinnlosen Verbrechen im Namen von Sozialismus und Fortschritt. Lesenswert!
Jörg Baberowski:Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt*, Fischer Taschenbuch Verlag, 2014

Trotz des etwas dämlichen Titels ein tolles Buch für alle Geschichtsinteressierten zum Nachschlagen und Querlesen.
Christian v. Ditfurth: Deutsche Geschichte für Dummies*, Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim, 2012


Leseempfehlung zum Thema:


Was befahl Hitler? Gab es einen „Führerbefehl“ für den Hologaust? Über die fließenden Übergänge zwischen Befehlenden, Nutznießern, Profiteuren und „Bystandern“:
http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2017/01/holocaust-adolf-hitler-befehle-forschung-streit


Weiterführende Links zum Thema: 


„Auch Mörder fallen nicht einfach vom heiteren Himmel“, schreibt die Schweizer Autorin (und Psychoanalytikerin) Alice Miller in ihrem Buch Am Anfang war Erziehung. Oder doch?
Der Werdegang Adolf Hitlers vom geprügelten Sohn eines „erziehenden“ Vaters und einer liebevollen, aber schwachen Mutter zu einem der grausamsten Diktatoren der Menschheit.

Vom verborgenem zum manifesten Grauen: Kindheit und Jugend Adolf Hitlers


Adolf Hitler und seine Anhänger. Wer folgte den Nationalsozialisten und was bringt Menschen dazu, zu Mördern zu werden?
Die Erlaubnis zu hassen


Es war während des Dritten Reiches ein Bestseller und galt als d e r Leitfaden zur Kindererziehung. Über die NS-Pädagogik und Johanna Haarers Machwerk.
Zwischen Drill und Misshandlung: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind


Stalin, Hitlers „Bruder im Geiste“, war der zweite Diktator, der die Welt ihn Atem hielt. Und das Verblüffende: Stalin „mochte“ Hitler und hat ihn tatsächlich bewundert.
Wer war eigentlich Stalin? Teil 1


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Bildnachweise:

1) Nach Kriegsende, 1945 After the end of the war, 1945, By US Army, Public Domain
2) Besetzung der Tschechoslowakei durch die deutschen Truppen, Oktober 1938, UBz: Einwohner von Eger beim Einrücken deutscher faschistischen Verbände. Herausgabedatum: 5. Oktober 1938, Scherl / Weltbild, Bundesarchiv, Bild 183-H13160, Oktober 1938, UBz: Einwohner von Eger beim Einrücken deutscher faschistischen Verbände. Herausgabedatum: 5. Oktober 1938, Scherl / Weltbild, Bundesarchiv, Bild 183-H13160 / CC BY-SA 3.0
3) Sowjetunion, August 1939, Im Moskauer Kreml wird am 23.8.1939 ein Nichtangriffsvertrag zwischen dem deutschen Reich und der UdSSR unterzeichnet. Nach der Unterzeichnung im Gespräch J.W. Stalin und der deutsche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop (r.), Bundesarchiv, Bild 183-H27337 / CC BY-SA 3.0

4) Sir Winston Churchill, skeeze, pixabay.com, CC0 Public Domain
5) Vormarsch unserer Truppen durch die Winterlandschaft vor Moskau. Die Wege sind gefroren und trotz der Kälte geht es leicht vorwärts. (Kriegsberichter Cusian, 21.11.41), Bundesarchiv, Bild 183-L20813 / CC BY-SA 3.0
6) B-17 Flying Fortress, gemeinfrei, Two B-17 Flying Fortresses‘ vapor trails light up the night sky over Eastern Europe

7) Ruhrgebiet, Luftschutzstollen während Fliegeralarm, Zentralbild II. Weltkrieg 1939 – 45 Luftschutzstollen im Ruhrgebiet, um 1943. Während eines Fliegeralarms, Ruhrgebiet, 1943, Photographer Unknown, Bundesarchiv, Bild 183-R71086 / CC-BY-SA, gemeinfrei
8) Karl_D%C3%B6nitz.jpg#/media/File:Karl_D%C3%B6nitz.jpg, gemeinfrei

 

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