Vor Ankommen wird gewarnt!

Kindheit in der Zeit nach dem Zweiten WeltkriegViele Menschen drücken sich vor dem Ankommen. Das geht ganz einfach, der Trick ist, dass man das, was man angeblich unbedingt möchte, in unerreichbare Höhen hängt. Aus gutem Grund,  denn spätestens seit George Bernard Shaw wissen wir, dass es im Leben zwei Tragödien gibt: Die Nichterfüllung eines Herzens-wunsches – und seine Erfüllung.
Über Ziele und wie man sie trotzdem erreichen kann.

Mit den Zielen ist das so eine Sache: Einerseits hebt nichts so sehr die Stimmung wie unerfüllte Wünsche – etwas zu wollen, ist das beste Mittel gegen Langeweile. Das ist wichtig, denn Langeweile ist für unser Glücks-Gleichgewicht fatal, sie macht uns unglücklich. Unerfüllte Wünsche – und Ziel – machen uns also irgendwie glücklich. Zumindest nicht unglücklich. Einerseits.
Andererseits zwingen uns Ziele zu Entscheidungen. Das „Ja“ zu einem Ziel bedeutet das „Nein“ zur Alternative. Wer seine Ziele definiert, geht ans ‚Eingemachte‘. Er wählt seinen Weg für die Zukunft und entscheidet sich damit gegen andere Wege – ein „bisschen schwanger“ gibt es eben nicht.

Wer seinen Urlaub an der Nordsee plant, entscheidet sich gleichzeitig gegen Bergwandern und Hüttenzauber, wer eine Familie mit Kindern haben möchte, muss zumindest für einige Zeit sein Single-Dasein aufgeben.
Wer Ziele definiert, muss sich aber nicht nur entscheiden und festlegen, sondern kann auch noch scheitern statt anzukommen. Misserfolge und Ziele-nicht-erreichen gehören zum Erfolg zwar genauso dazu wie Schwitzen zum Sport, trotzdem fühlen sie sich erstmal blöd an. Also: lieber erst gar nicht in so eine Situation kommen.
Oder?

Denn die Frage ist ja auch: Was macht man eigentlich, nachdem man am richtigen Ziel angekommen ist?

„Ankommen – womit buchstäblich wie metaphorisch das Erreichen eines Ziels gemeint ist – gilt als wichtiger Gradmesser für Erfolg, Macht, Anerkennung und Selbstachtung.
Umgekehrt ist Misserfolg oder tatenloses Dahinleben ein Zeichen von Dummheit, Faulheit, Verantwortungslosigkeit oder Feigheit. Der Weg zum Erfolg ist aber beschwerlich, denn erstens müsste man sich anstrengen, und zweitens kann auch die beste Anstrengung schiefgehen.“
Paul Watzlawick

Über das lieber-Nicht-Ankommen

Es gibt also viele gute Gründe für ewiges Reisen und vorsichtshalber lieber nicht Ankommen. Nicht umsonst heißt es: „Der Weg ist das Ziel“.

Das kommt uns durchaus entgegen. Tatsächlich neigen wir Menschen dazu, uns vor realistischen Zielen, die wir mit Anstrengung erreichen könnten, zu drücken.
Das hat Vorteile: Wer keine Zielen definiert oder sie unerreichbar hoch hängt, wer also immer unterwegs sein möchte, muss sich nicht anstrengen und mühevoll mit einer „Politik der kleinen Schritte“ an sein Ziel heranarbeiten. Er muss sich auch keine Sorgen machen, zu scheitern oder möglicherweise anzukommen und festzustellen, dass er dort, am Ziel, statt der ‚Blauen Blume‘ nichts als Katzenjammer vorfindet.

Und außerdem – mal ehrlich – sind unerreichte Ziele viel spannender, verklärter und schöner, als es erreichte jemals sein können:

Die Flitterwochen hören vorzeitig zu flittern auf; bei Ankunft in der fernen exotischen Stadt versucht uns der Taxifahrer übers Ohr zu hauen; die erfolgreiche Ablegung der entscheidenden Prüfung bewirkt wenig mehr als das Hereinbrechen zusätzlicher, unerwarteter Komplikationen und Verantwortungen; und mit der Serenität des Lebensabends nach der Pensionierung ist es bekanntlich auch nicht so weit her.
Paul Watzlawick

Ziele zu haben, ist also einerseits schön, andererseits aber auch ein ziemlich zweischeidiges Schwert.

Wir Menschen sind im Nicht-Erreichen unserer Ziele manchmal sehr kreativ. Kein Wunder, dass der Markt für Ratgeber-Bücher boomt, denn das Leben (und die Ziele) fühlen sich zumindest während des Lesens besser an. Nach dem Lesen werden die wohlmeinenden Bücher über Gesundheit, Ernährung, Liebe, Partnerschaft, Erfolg und … ja … Lebensziele sorgsam im Bücherregal verstaut, wo sie dann ungenutzt verstauben.

Realistische Ziele zu haben und umzusetzen ist eben echt anstrengend. Und man müsste dafür seine Komfortzone verlassen …

Oder wie der Psychoanalytiker Paul Watzlawick in seinem bememerkenswerten Ratgeber Anleitung zum Unglücklichsein schreibt:

Wenn das Ziel in weiter Ferne liegt, begreift auch der Dümmste, dass der Weg dorthin lang und beschwerlich und die Reisevorbereitungen umfassend und zeitraubend sind. Da soll einen nur jemand dafür tadeln, noch nicht einmal aufgebrochen zu sein – und noch weniger droht einem Kritik, wenn man, einmal unterwegs, vom Weg abkommt und im Kreis marschiert oder längere Marschpausen einlegt. Im Gegenteil, für das Verirren im Labyrinth und das Scheitern an übermenschlichen Aufgaben gibt es heroische Vorbilder, in deren Licht man dann selbst etwas mitglänzt.
Paul Watzlawick

Und Trotzdem: Ziele machen Glücklich!

„Glück bedeutet nicht, das zu kriegen, was wir wollen, sondern das zu wollen, was wir kriegen“, sagt der Volksmund.

Wenn die Zielsetzung so kompliziert ist, wir uns festlegen müssen, möglicherweise sogar scheitern und wir uns durch falsche Entscheidungen sogar noch andere und bessere Wege verbauen – dann lieber ohne? Dann lieber „Carpe diem“ – Pflücke den Tag, und: „Was kommt, kommt„?

Dazu ein anderer Psychoanalytiker und Glücksforscher, der „Vater des Flow“ Mihály Csíkszentmihályi:

Glück ist nicht etwas, das einfach geschieht. Es ist keine Folge von angenehmen Zufällen. Es ist nichts, was man mit Geld kaufen oder mit Macht bestimmen kann.“
Mihály Csíkszentmihályi

Glück ist harte Arbeit – nicht am Glücklichsein, sondern an sich selbst.

Denn den Selbstbewussten, die sich selbst mögen, den Selbständigen, die Kontrolle über ihr Leben haben, den Optimisten und den Menschen, die gerne arbeiten und gute Freunde haben, winkt das Glück viel häufiger als allen anderen.
Wer keine Ziele hat und sich treiben lässt, riskiert, zum Getriebenen zu werden, der von einer Dringlichkeit zur nächsten hetzen muss und die Kontrolle über das eigene Leben verlieren kann. Und außerdem: Erfolg, der einem zufällig in den Schoß fällt, ist ein viel kleinerer Beitrag zu unserem Glück. als ein Volltreffer, den wir gewollt und uns hart erarbeitet haben.
Rückschläge, Umwege und Pausen sind unvermeidbar, möglicherweise muss man zwischendurch auch in die Revision und kommt dann doch ganz woanders an.
Aber man kommt an – und die Richtung stimmt!

Wer sich ein Ziel gesetzt hat, hat ein geistiges Dach über’m Kopf und läuft weniger Gefahr, vor lauter „Klein-Klein“ und Alltag das große Ganze – sein Ziel – aus den Augen zu verlieren. Wer sich ein Ziel gesetzt hat, weiß (oder ahnt) in der Regel, was zu tun ist – und was nicht. Und kann in großen, manchmal auch in kleinen Etappen auf sein Ziel zusteuern. Deshalb gehören zum Glücklichsein Ziele einfach dazu.


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Über das Erreichen von Zielen

Es gehört Mut dazu, ans ‚Eingemachte‘ zu gehen und sich für Ziele zu entscheiden.

Wer konkret etwas erreichen möchte, wird stolpern, möglicherweise auch scheitern. Gelegentlich wird er aber auch ankommen – und dabei immer das gute Gefühl haben, Agierender und nicht Reagierender in seinem eigenen Leben zu sein:

SMARTe Ziele

Gute Vorsätze allein reichen nicht aus: „Abfahren, und dann so weit wie möglich kommen“ ist weder ein passabler Fahrplan für die Deutsche Bundesbahn noch fürs eigene Leben.
„Weniger Arbeiten, mehr Sport“ ist eine nette Absicht, ein wirkungsvoller Plan ist es nicht.
Wer seine Ziele erreichen möchte, sollte sie so präzise wie möglich –  SMART (Spezifisch, Messbar, Aktionsorientiert, Realistisch, Terminiert) – formulieren, aufschreiben und von Zeit zu Zeit überprüfen.

  • Spezifisch: Finger weg von Fremd-Zielen und falschen Idealen!
    Zu einem selbstbestimmten Leben gehören auch selbstbestimmte Ziele, daher sollte man sich zuallererst klarmachen, was man tatsächlich möchte. Will ich wirklich vom Rauchen loskommen, oder ist mir meine Sucht (oder mein Vergnügen) wichtiger als meine Gesundheit? Erst wenn diese grundsätzliche Entscheidung getroffen worden ist, lässt sich daraus ein persönliches Ziel definieren und ein konkreter und spezifischer Plan fassen: „Nächsten Dienstag kaufe ich mir Nikotinpflaster und am Mittwoch fange ich damit an.“

  • Messbar: Wer nicht (zu oft) vom Weg abkommen oder im Kreis marschieren möchte, sollte seine Ziele messbar formulieren: Statt „regelmäßig joggen“ könnte das spezifische und messbare Ziel lauten: mittwochs eine halbe Stunde und sonntags vor dem Frühstück eine Dreiviertelstunde laufen.

  • Aktionsorientiert: Unser Unterbewusstsein ist eine seltsame Einrichtung, es kann nur mit positiven Formulierungen etwas anfangen – beim Vorhaben „Weniger arbeiten“ versteht es nur „arbeiten“.
    Um Missverständnissen vorzubeugen, sollten daher alle Ziele positiv formuliert werden. Da „Weniger arbeiten“ zudem nicht spezifisch ist, könnte die bessere Alternative lauten: „Prinzipiell ist um 17.00 Uhr Schluss, in Stoßzeiten genehmige ich mir aber drei Überstunden pro Woche“. Übrigens: Wer weniger Zeit für seine Arbeit zur Verfügung hat, wird effektiver.

  • Realistisch: Ziele sollten realistisch gesteckt werden, ehrgeizig dürfen sie aber auch sein.
    Wer seine erste Million auf dem Konto anstrebt, sollte sich einen guten Plan mit genügend Zeit und Aufwand machen – und sich die Frage stellen, ob er beispielsweise für Börsenspekulation schon die notwendige Risikofreude und das Know-How hat (Lottogewinn funktioniert meistens nicht, zudem ist Im-Lotto-Gewinnen kein Ziel).
    Die meisten überschätzen, was man in einem Jahr schaffen kann, und unterschätzen, was man in zehn Jahren erreichen kann„, ist ein oft zitiertes Coaching-Bonmot, das viel Wahres enthält..

  • Terminiert: Ziele können nicht realistisch und messbar sein, wenn man nicht von Zeit zu Zeit Zwischenbilanz zieht. Nichts kann so sehr beflügeln wie erste Erfolge.
    Wer eine Vision hat und schon konkrete Ergebnisse erreicht hat, wird sich auch durch Schwierigkeiten und Rückschläge nicht aufhalten lassen: Jeder Weg, so lang er auch sein mag, beginnt immer mit dem ersten Schritt …

Schon die Frage „Wo möchte ich ankommen?“ ist eine spannende Reise zu sich selbst. Eine ehrliche Antwort erfordert Mut, Selbstreflektion und gelegentlich die Verabschiedung alter Hemmschuhe, fauler Ausreden und falscher Freunde.

Wer seine Leitplanken aufstellt und die Richtung nach seinen persönlichen Wünschen und Vorstellungen definiert, nimmt sein Leben selbst in die Hand. Eigenregie und Selbstbestimmung sind zwei  der wichtigsten Voraussetzungen für ein glückliches und erfülltes Leben.
Einen Weg geht man so oder so – und besser ist es, das Zepter selbst in der Hand zu halten, um sich nicht irgendwann als Opfer der Umstände wiederzufinden.

„Eine Vision ohne Tat ist nur ein Traum, eine Tat ohne Vision schlägt die Zeit tot, Vision und Tat können die Welt verändern.“

ALLES lässt sich in der Regel nicht erreichen – vieles schon.

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de, 2015


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Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein, Piper Verlag GmbH, München, 1983 ISBN: 978-3-492-24938-6


Reinhard K. Sprenger: Die Entscheidung liegt bei dir! Wege aus der alltäglichen Unzufriedenheit. Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main, 2010 ISBN: 978-3-593-38957-8


Weiterführende Links zum Thema Glück und Unglück:


  • Sei spontan! Paul Watzlawick über die Absurdität der Forderungen „Sei spontan!“ oder „Sei fröhlich!“. Denn die Erwartungen der anderen sind die Erwartungen der anderen …
    Sei spontan!



  • Mit erlernter Hilflosigkeit und selbsterfüllenden Prophezeiungen kann man sich selbst sehr wirkungsvoll sabotieren.Noch ein Watzlawick über die Stolperfallen auf dem Weg zum Lebensglück:
    Selbsterfüllende Prophezeiungen

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Bildnachweis:
Agentur für Bildbiographien, 2015

 

 

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