Wer war eigentlich „Stalin“? (2)

TrotzkiLenins „Mann fürs Grobe“ ist ihm am Ende doch zu grob. In seinem politischen Testament empfiehlt der Begründer und erste Regierungschef Sowjetrusslands (ab 1922 in Sowjetunion umbenannt) dringend, Stalin als allmächtigen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Russlands abzulösen und einen anderen an seine Stelle zu setzen. Einen anderen Generalsekretär, der sich „in jeder Hinsicht“ vom Genossen Stalin „nur durch einen Vorzug“ unterscheidet, wie Lenin schreibt: „nämlich dadurch, dass er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft usw. ist.“

Doch es ist zu spät.
Das menschlich und politisch desaströse Urteil seines langjährigen Weg- und Kampfgefährten schadet Stalin nicht; das Testament Lenins wird zwar bekannt, kann aber heruntergespielt werden.
Der georgische Schustersohn Josef Stalin schaltet nach Lenins Tod politische Gegner und ehemalige Gefolgsleute aus und reißt die Macht in der Sowjetunion an sich.


„Stalin ist zu grob, und dieser Fehler, der in unserer Mitte und im Verkehr zwischen uns Kommunisten erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte, und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich in jeder Hinsicht von dem Genossen Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, daß er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft usw. ist.“

Wladimir Iljitsch Lenin, Brief an die KPDSU (Nachschrift vom 4. Januar 1923)


Lenin hielt Leo Trotzki, Stalins größten Widersacher, für den fähigeren Mann – allerdings habe der ein übersteigertes Selbstbewusstsein und ihm fehle der richtige Biss, so Lenins Urteil.
Jetzt, nach Lenins Tod, wird unter Stalins Gegnern aufgeräumt, Trotzki wird als Erster eliminiert: Ende 1927 wird er aus der Partei ausgeschlossen, später ins Exil gedrängt, wo er 1940 einem mexikanischen Eispickel zum Opfer fällt.

Aber auch alte Wegbegleiter und „Freunde“ Stalins können sich ihrer Ämter und ihres Lebens nicht sicher sein: Ehemals enge Verbündete, beispielsweise langjährige Kampfgefährten wie Kamenew oder Sinowjew, die Stalin noch aus vorrevolutionären Zeiten kennt, verlieren erst ihre Posten und dann ihre Parteimitgliedschaft. Später ihr Leben.

Ab etwa 1927 ist Stalin uneingeschränkter Alleinherrscher der Sowjetunion, obwohl er lange Zeit kein offizielles Staatsamt innehat.
Ab 1929 lässt er sich offiziell als „Woschd“ (Führer) titulieren.

KulakIkonen und Kakerlaken

Die Rückständigkeit der Industrie im Vergleich zu anderen Nationen ist gewaltig und eines der größten Probleme der noch jungen Sowje-tunion.
Wie die industrielle Aufholjagd gelingen kann und das Riesenreich vom vom rückständigen Agrarstaat in eine moderne Industrienation umgewandelt werden soll, ist unklar – man streitet:


„Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung.“

Wladimir Iljitsch Lenin, 1920


Die Befürworter der „genetischen Sicht“ wollen zwar die Planwirtschaft, doch die Pläne sind eher gemäßigt und sollen auf realen Gegebenheiten und Fakten basieren, also sich am „Ist-Zustand“ orientieren.

Im Gegensatz dazu sehen die Anhänger der „teleologischen Sicht“ im Plan ein formendes und strukturierendes Element; der Plan ist das „Soll“, das wünschenswert ist, weitgehend unabhängig davon, was tatsächlich erfüllbar ist.
Stalin entscheidet sich nach einigem Hin- und Her für die „teleologische Sicht“, für den Fünfjahresplan, der ambitionierte Ziele vorgibt, ohne sich allzusehr um ihre Umsetzbarkeit zu scheren.

Seine brachiale Industrialisierungspolitik, der Millionen Menschen zum Opfer fallen, beginnt mit dem ersten Fünfjahresplan, der von 1928 bis 1933 gültig ist.
Bis zu diesem Zeitpunkt verfolgte die Führungsriege der Sowjetunion eine als „NEP“ bekannte, relativ liberale Wirtschaftspolitik: Zwar waren Schwerindustrie, Transportwesen, Banken, Groß- und der Außenhandel verstaatlicht, doch Landwirtschaft, Einzelhandel und Dienstleistungen lagen nach wie vor in privaten Händen.

Kulaken

Es sind die Bauern, die nun Tribut leisten sollen. Mangels Kolonien, die ausgebeutet werden könnten, sollen sie den „großen Umbruch“ be- zahlen.
Die dörfliche Gemeinschaft, in der kurz nach der Revolution noch über Dreiviertel der Bevölkerung lebt, ist für die Bolschewiki sowieso eine gefährliche „terra incognita“ und damit ein Dorn in ihrem Auge – die kommunistische Basis lebt in den Städten, nicht auf dem Land.
Das Dorf ist Sinnbild des „alten“ Russland mit einer spezifischen Mischung aus Glauben und Aberglauben, Analphabetismus und Alkohol – „Ikonen und Kakerlaken“ – wie es Trotzki einmal formuliert hat.

So sind die „Kulaken“ (Eigentlich: Faust, im übertragenen Sinn: Wucherer), also wohlhabende Bauern, zunächst in der Propaganda, kurze Zeit später sehr real das neue Feindbild der roten Machthaber: Bereits ab 1927 leiden sie unter Repressionen, müssen höhere Steuern zahlen, bekommen keine Kredite oder Geräte.

Wer als „Kulak“ gilt, ist eine Frage der Definition, und die ändert sich im Laufe der Zeit. Ursprünglich gemeint waren die sogenannten „Mittelbauern“ – 1919 gehört dazu, wer zwei Häuser mit Blechdach, mehr als fünf Kühe oder Pferde oder mehr als 20 Schafe besitzt – im Jahr 1932 reicht es, Knecht, Magd oder Tagelöhner zu beschäftigen, manchmal auch schon, eine Kuh zu besitzen, um verdächtig zu sein.

Um nicht mehr als „Kulak“ zu gelten, verringern viele Bauern zunächst ihre Anbauflächen und Viehbestände.
Und da die staatlich festgelegten Ankaufpreise gering sind, werden Agrarerzeugnisse lieber auf dem Schwarzmarkt verkauft oder selbst verbraucht. Schon bald fehlen in den Städten Nahrungsmittel, und das erzürnt den „Woschd“ und sein Gefolge, sehen sie doch in den eigennützigen Landwirten Saboteure und Konterrevolutionäre.

Millionen Tote: Die „Entkulakisierung“

Am 1. Februar 1930 wird per Gesetz die Enteignung der „Kulaken“ angeordnet, ihr Besitz wird requiriert, sie selbst sollen in Kolchosen arbeiten.
Konterrevolutionäre und Bauern, die passiven oder aktiven Widerstand leisten, indem sie beispielsweise Getreide verstecken oder vergraben, seien zu erschießen oder in Lager einzuweisen, so eine Order des Politbüros an die lokalen Parteikomitees.

Die im fernen Moskau angeordnete Zwangskollektivierung stellt die traditionelle bäuerliche Gemeinschaft von den Füßen auf den Kopf; aus den Städten entsandte „Arbeiterbrigaden“ – Zehntausende meist junger überzeugter Kommunisten – erledigen den Rest. Sie fallen in die Dörfer ein, enteignen innerhalb weniger Wochen zehn Millionen Höfe und siedeln über 2,5 Millionen Menschen um.
Mindestens zwei Millionen „Kulaken“ werden von Geheimpolizei und Armee nach Zentralasien und Sibirien deportiert, Hunderttausende sterben an Hunger, Entkräftung und Seuchen.

Die bäuerlichen Strukturen sind zerstört und ehemals frei wirtschaftende Bauern zu Tagelöhnern degradiert – es gibt Unruhen und Angriffe auf staatliche Emissäre.

Die neu geschaffenen Zwangskollektive arbeiten schlecht, die Produktionszahlen sinken.
1932 bis 1934 folgt mehreren Missernten eine Katastrophe:: Millionen Menschen verhungern. Am schlimmsten trifft es die Ukraine, wo rund 3,5 Millionen Menschen sterben.
Stalin macht die Ukrainer für die schlechten Erträge verantwortlich und anstatt gegenzusteuern, lässt er die Grenzen zu anderen Sowjetrepubliken schließen, niemand darf dem Hunger entfliehen. Dörfer, die ihr Abgabesoll für Getreide nicht erfüllen können, werden abgeschottet, Flucht vor dem Hunger ist ausgeschlossen. Holodomor (ukrainisch Holo, Hunger; mor, Vertilgung) ist das ukrainische Wort für eine der größten nationalen Katastrophen.

Kulaken2


„Wer nicht arbeitet, soll nicht essen.“

Stalin


Stalin erteilt den widerspenstigen Bauern seines Landes eine fürchterliche Lektion.
Mit den hungernden Bauern, die „innere Kolonie“, die einzige Kolonie der Sowjetunion, die ausgebeutet werden kann, geht aber auch der Plan einer forcierten Industrialisierung auf: So steigt beispielsweise die Zahl der produzierten Kraftfahrzeuge von 1929 mit 2500 Fahrzeugen auf 200.000 Fahrzeuge im Jahr 1937.

Das Morden für den Fortschritt scheint für Stalin eine unumgängliche Notwendigkeit zu sein.
Im Jahr 1931 verkündet er prophetisch:


„Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben.
Wir müssen diese Lücke in zehn Jahren schließen … oder wir werden zermalmt.“

Stalin, 1931


Massenmord zum Vergnügen? Der große Terror

Das größte Vergnügen“ , sagt Stalin einmal zu seinem „Freund“ Kamenew, den er zusammen mit Sinowjew 1936 hinrichten lässt, „ist es, den Feind auszumachen, alle Vorbereitungen zu treffen und dann ins Bett zu gehen.

Ist das millionenfache grausame Morden in der Zeit der „Entkulakisierung“ sehr mühsam, aber doch noch einigermaßen mit der Notwendigkeit einer forcierten Industrialisierung rational begründbar, so verschlägt es den Geschichtswissenschaften angesichts der 1936 beginnenden Stalinistischen Säuberungen die Sprache.

Auslöser für die Phase des „großen Terrors“ ist die Ermordung des Leningrader Partei-sekretärs Sergei Kirow im Jahr 1934, von der Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow später – ohne es zu beweisen – behauptet, Stalin habe sie selbst angeordnet.
Ob von ihm selbst befohlen oder nicht, der „Woschd“ nimmt den Mord an seinem Parteifreund zum Anlass, um mit dem „Gesetz vom 1. Dezember“ umgehend Notstandmaßnahmen zu erlassen, die es ermöglichen, echte oder vermeintliche Gegner zu verhaften und zu bestrafen – bis hin zur Erschießung. Diese Möglichkeiten werden in den Monaten des Großen Terrors ausgiebig genutzt.


Nachvollziehbare Gründe für den „großen Terror“ gibt es nicht.
In den Jahren von 1936 bis 1939 werden knapp ein Prozent aller Sowjetbürger – insgesamt 1,5 Millionen Menschen – verhaftet, gefoltert und viele von ihnen ermordet.


Stalin

1937 und 1938 gibt die Zentrale in Moskau Quoten vor: Dokumentiert ist beispielsweise ein Befehl Stalins vom 30. Juli 1937, gemäß dem mindestens 79 950 „ehemalige Kulaken, Kriminelle und andere antisowjetische Elemente“ zu erschießen und 193 000 zu acht- bis zehnjähriger Lagerhaft zu verurteilen seien.
Die NKWD-Büros vor Ort suchten daraufhin in ihren Akten nach passenden Kandidaten, die dann verhaftet und gefoltert wurden, um Geständnisse und weitere Namen zu liefern.
Eine Troika aus dem örtlichen NKWD-Chef, dem örtlichen Parteichef und einem Staatsanwalt fällte die Todesurteile. Die Exekutionen fanden immer nachts statt, oft weitab im Wald.
Zwei Mann hielten den Gefangenen fest, ein dritter schoss ihm ins Genick.

Nach und nach wird fast die gesamte politische, intellektuelle, wirtschaftliche und militärische Elite der Sowjetunion ausgelöscht; fast alle Revolutionäre, die sich 1917 als Bolschewiki an die Macht geputscht hatten, werden umgebracht
Aber auch Hunderttausende sonstiger „Volksfeinde“ müssen sterben oder werden deportiert. Unter Folter und in Schauprozessen werden Geständnisse erpresst, das Szenario einer riesigen Konterrevolution im Bund mit Trotzki, England oder Adolf Hitler wird als Rechtfertigung inszeniert.
Aber warum?


„Wir müssen uns Stalin als einen glücklichen Menschen vorstellen,
der sich an den Seelenqualen seiner Opfer erfreute.“

Jörg Baberowski, „Verbrannte Erde“


 „Manchmal haben wir, wenn wir von den Gräueltaten der Geschichte hören, den Eindruck, die ideellen Motive hätten den destruktiven Gelüsten nur als Vorwand gedient“. formuliert es Sigmund Freud.

Sind also Stalin und seinen Schergen nichts weiter als eine gestiefelte Macho-Kultur, ein blutrünstiger Männerbund aus simplen Charakteren, die zwar kaum in der Lage sind, sich mit philosophischen und ideologischen Gedankengängen auseinanderzusetzen, dafür aber umso mehr vom Quälen, Töten und Morden verstehen?
Für Baberowski sind zumindest bei Stalin alle Kriterien der Psychopathie klar erfüllt: Gefühlskälte, Gewissenlosigkeit, ein manipulatives Verhältnis zur Umwelt und die Unfähigkeit, Reue oder Mitgefühl mit anderen Menschen zu empfinden.

Für viele Intellektuelle und Exilanten jener Tage blieb Stalin trotz aller offenkundigen Grausamkeiten ein Held: Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Heinrich Mann oder auch Dashiell Hammett rechtfertigten die Moskauer Schauprozesse und verklärten die UDSSR zum Reich der Vernunft.
Für sie wie für viele andere bedeutet Stalin das Bollwerk gegen einen noch größeren Psychopathen, der die Welt zu dieser Zeit in Atem hielt: Adolf Hitler.

Weiterführende Links zum Thema:

Der Aufstieg Stalins vom geprügelten Kind eines Säufers aus Georgien zum Sowjet-Zaren:
Wer war eigentlich Stalin? Teil1

 


Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der sonst bis zur Paranoia misstrauische Stalin die Zeichen der Zeit nicht erkennt:: Wer war eigentlich Stalin? – Teil 3
Wer war eigentlich Stalin? Teil3


Stalin und der sadistische Macho-Kult des Tötens. Über das Buch „Verbrannte Erde“ von Jörg Baberowski, Professor für Osteuro-päische Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität
http://www.welt.de/kultur/history/article13885068/Stalin-und-der-sadistische-Macho-Kult-des-Toetens.html


Stille Vernichtung. Zum Gedenken an Millionen Hungertode in der Ukraine
http://www.zeit.de/2008/48/A-Holodomor


Durch Mord zum Sieg. Zum 50. Todestag von Josef Stalin
http://www.zeit.de/2003/11/A-Stalin_II/seite-1

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:Bildnachweise:

1) Trotzki: commons.wikimedia.org/ Published by Century Co, NY, 1921 – File:Lev Trotsky.jpg
2) commons.wikimedia.org/ By Artom Kutuzov [Public domain], via Wikimedia Commons
3) Bau des Ostsee-Weißmeer-Kanals. Auf dieser Großbaustelle wurden auch Sondersiedler als Zwangsarbeiter eingesetzt. (1932)
4) Fußgänger und Leichen verhungerter Bauern auf einer Straße in Charkiw, 1933, Alexander Wienerberger
5) Teilansicht einer Gedenktafel mit Fotos von Opfern des Großen Terrors, die auf dem NKWD-Schießplatz in Butowo bei Moskau erschossen wurden, A.Bocharov

 

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